FAIR RADIO TUTZINGER ETHIK APPELL - für ein glaubwürdiges Radio

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Ethik von A bis Z

Zweites FAIR RADIO-Expertengespräch an der Medienakademie Düsseldorf

17.03.2010


Die Evangelische Medienakademie in Düsseldorf hat FAIR RADIO-Frau Sandra Müller am 11. März 2010 erneut zu einem Expertengespräch mit Volontären gebeten.

Thema: ″Ethik im Hörfunk″.

Und wieder wollten die jungen Radiomacher wissen, wie sich die Leitsätze der Initiative im Redaktionsalltag umsetzen lassen.


Unter anderem wurden folgende Fragen gestellt:



Als Fortsetzung zu den acht Fragen aus dem ersten Gespräch hier eine Zusammenfassung der Antworten von Sandra Müller - zum Teil mit Ergänzungen, zusätzlichen Beispielen und weiterführenden Links.




9. ″Nichts vorgaukeln″ - heißt das auch, ich darf Reporter, die denselben Beitrag für mehrere Sender gemacht haben, im eigenen Lokalsender nicht als ″unseren Radio XY-Reporter″ anmoderieren?

Natürlich darf man, aber wir von FAIR RADIO halten es nicht für sinnvoll. Denn Tatsache ist: Das sind keine Reporter des jeweiligen Senders und sie treten vor Ort auch nicht als solche auf. Vielmehr waren sie für einen Senderverbund oder vielleicht auch für eine zwischengeschaltete Agentur dort. Sie sind keine Exklusiv-Reporter.

Nicht selten merkt der Hörer das auch, wenn er von einem ins nächste Sendegebiet fährt und dann plötzlich aus dem ″Radio XY-Reporter″ von gerade eben ein ″Radio ABC-Reporter″ wird. Und das nur, weil wir dem Hörer vorgaukeln wollen, der Sender habe ein exklusives Reporternetz.

Dabei wären die Beiträge nicht schlechter oder weniger informativ, würden wir sie OHNE das falsche Etikett auf Sendung bringen. Gleichzeitig bliebe uns erspart, möglicherweise als unseriös und großsprecherisch empfunden zu werden.

Ähnlich wie bei vorgetäuschten Live-Interviews ist das also ein Etikettenschwindel, der wenig bringt, uns aber angreifbar macht.

Besser - weil korrekt und unmissverständlich - wäre es also, den fraglichen Beitrag mit ″Ein Beitrag von Max Mustermann FÜR Radio XY″ anzumoderieren.





10. ″PR-Beiträge gehören in den Werbeblock″. Das klingt gut. Aber ist es nicht auch schon PR, wenn wir über die Eröffnung des neuen Kindergartens in unserer Stadt berichten?

Nicht grundsätzlich. Denn zunächst einmal gilt: Ein Lokalsender soll und muss über so ein Ereignis berichten. Allerdings sollte er das unabhängig und ausgewogen tun. So verlangt es das journalistische Berufsverständnis. Nur wer das außer Acht lässt, läuft Gefahr, aus einer Kindergarteneröffnung eine PR-Nummer zu machen.

Nehmen wir zum Beispiel an, auf der Pressekonferenz zur Neueröffnung des Kindergartens preisen die Anbieter ihren Kindergarten als den ″innovativsten der Stadt″. Es ist die Rede von den ″längsten Öffnungszeiten und einem neuartigen Betreuungskonzept″.

Nehmen wir weiter an, der Reporter übernimmt diese Formulierungen in seinen Beitrag - vielleicht sogar als O-TON. Im Beitragstext werden die Aussagen wiederum weder hinterfragt noch eingeordnet. Und in der Eile hat der Reporter auch nicht die Richtigkeit der Angaben überprüft. Ergebnis ist ein Beitrag, der nichts weiter vermittelt als die ungeprüften Werbeversprechen des Kindergartens, man könnte sagen: ein PR-Beitrag.

Dabei hätte klar sein müssen: Auch die Betreiber eines Kindergartens haben Interessen. Sie wollen ihre Einrichtung im besten Licht erscheinen lassen und möglichst viele Eltern als Kunden gewinnen. Dazu dürfen sie natürlich behaupten, ihre Einrichtung sei neuartig und innovativ. Der Reporter aber müsste fragen: Ist sie das wirklich? Und ist das überhaupt entscheidend?

Was zum Beispiel, wenn die Einrichtung zwar wirklich eine Stunde länger geöffnet und mehr Erzieher hat als alle anderen Einrichtungen in der Stadt, der Kindergartenplatz dafür aber auch doppelt so teuer und für eine Durchschnittsfamilie kaum bezahlbar ist? Wäre es dann angemessen, den Kindergarten ohne weitere Details als ″den innovativsten Kindergarten der Stadt″ vorzustellen? Wohl kaum.

Wer sicher gehen will, mehr als einen PR-Beitrag zu machen, muss also fragen und hinterfragen, muss Gesagtes sachlich einordnen und bewerten - auch und gerade bei Pressekonferenzen, auch bei einem ″08/15-Termin″ wie der Eröffnung eines neuen Kindergartens.

FAIR RADIO fordert deshalb ganz generell die Rückbesinnung auf die journalistischen Pflichten.Sie dürfen nicht vernachlässigt werden, nur weil es beim Radio oft schnell gehen muss. (Siehe auch Frage 11.)

Die genannte Forderung ″PR-Beiträge gehören in den Werbeblock″ bezieht sich allerdings ganz konkret auf Beiträge, die von Firmen oder Lobbygruppen lanciert und zum Teil gegen Bezahlung als journalistische Beiträge ausgestrahlt werden - eine Praxis, die FAIR RADIO für Schleichwerbung hält.





11. ″Recherche geht vor Schnelligkeit″ - In der Praxis ist das doch gar nicht umsetzbar, wenn ein Beitrag in zwei Stunden auf Sendung muss?

In der Tat ist es schwierig, wenn erst in der Redaktionskonferenz um 10 Uhr ein Reporter für die Neueröffnung des Kindergartens um 11 Uhr rekrutiert wird und der schon um 13 Uhr das fertige Stück abliefern soll.

Doch auch dann dürfen ungeprüfte Behauptungen nicht wie Fakten über den Sender gehen.

Wenn die Betreiber des neuen Kindergartens sich also auf einer Pressekonferenz rühmen, ein ″einzigartiges Betreuungskonzept″ zu haben, dann hat diese Formulierung in einem Beitrag über diesen Termin nichts verloren, so lange nicht klar ist, ob diese Aussage stimmt.

Zumindest aber müsste sie in einem Beitrag klar als Werbeaussage kenntlich gemacht werden: ″Der Kindergarten arbeitet nach eigenen Angaben mit einem einzigartigen Betreuungskonzept, bei dem....″.

Das ist allerdings nicht mehr als eine Notlösung.

Die Entschuldigung, für mehr bliebe keine Zeit, greift übrigens nur zum Teil. Denn oft genug ist die Hektik hausgemacht.

Gerade bei der Berichterstattung nach Pressekonferenzen zum Beispiel ließe sich viel vorab klären, würden die Redaktionen ihre Termine rechtzeitig vergeben. Reporter könnten sich dann schon vorher schlau machen. Schon klären, worum es geht. Überlegen, wo die Knackpunkte liegen und dann gezielt nachfragen. Dazu reicht oft eine ruhige Viertelstunde.

Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, wenigstens hinterher am Thema dran zu bleiben.

Man kann Experten suchen, die beurteilen können, ob das Betreuungskonzept im neuen Kindergarten wirklich so neu ist wie versprochen. Man kann Mütter und Väter ausfindig zu machen, die über ihre Erfahrungen und Eindrücke sprechen.

Das macht Mühe, lohnt sich aber - vor allem im Lokalen. Denn gerade hier fällt es auf, wenn die Eltern in der Nachbarschaft über die hohen Preise im neuen Kindergarten maulen, im Radio aber erst gestern noch die Lobhudelei auf die Einrichtung zu hören war.

Kurzum: ″Recherche vor Schnelligkeit″ heißt nicht zwingend ″langsamer″ zu berichten oder später auf Sendung zu gehen. Es heißt oft einfach nur vorausschauend planen oder sich nicht vorschnell zufrieden geben, mit dem was einem auf dem goldenen Tablett serviert wird - eine Einstellungssache also, die Reporter und Redaktion insgesamt betrifft.





12. Kann ich mich als Moderator weigern, einen PR-Beitrag im redaktionellen Teil zu spielen?


Sagen wir so: Man sollte. Eigentlich.
Doch gerade für freischaffende Moderatoren ist das nicht so einfach. Schließlich sind sie auf weitere Aufträge angewiesen. Sich einer redaktionellen Entscheidung zu widersetzen, ist deshalb nur was für Moderatoren mit gutem Standing und solche, die mutig sind.

Was genau in so einem Fall zu tun ist, hängt außerdem von der jeweiligen Redaktion und der Redaktionsleitung ab:

- Ist sie offen für kritische Anmerkungen und ethische Fragen? Gibt es Gelegenheit zur offenen Diskussion?

Dann wäre es ein Versuch wert,...
  • das Thema einmal grundsätzlich anzusprechen. Zu fragen, inwiefern der Sender solche Beiträge einsetzen MUSS.

  • darauf hinzuweisen, dass der Einsatz solcher Beiträge journalistisch fragwürdig ist und der Glaubwürdigkeit schadet.

  • dass das Senden solcher Beiträge als Schleichwerbung gelten und damit strafbar sein könnte.

  • dass es im Widerspruch zum Rundfunkgesetz und der dort vorgeschriebenen Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten stehen könnte.


- Ist die Redaktion solchen Diskussionen eher unaufgeschlossen?

Dann sollte man wenigstens versuchen, sich als Moderator so korrekt wie möglich zu verhalten und die Spielräume auszunutzen, die einem bleiben.

Man kann zum Beispiel in der Anmoderation darauf hinweisen, dass das ein Beitrag ist, der von einem Unternehmen oder einer Lobby-Gruppe in Auftrag gegeben wurde.

Das unten angehängte Beispiel eines Beitrags vom Ärzteverbund MEDI könnte man dann zum Beispiel einleiten mit:

Die Kassenärzte machen mobil. Sie streiken dieser Tage. Und warum? Weil sie ihre Existenz gefährdet sehen. Schuld seien die Krankenkassen, sagen sie, und ein ihrer Ansicht nach verqueres Abrechnungssystem. Im Namen des MEDI-Ärzteverbundes fasst Wolfgang Siegloch die Argumente zusammen:

oder

...Der Ärzteverbund MEDI hat seine Argumente deshalb jetzt auch in einem eigenen Radio-Beitrag zusammengstellt:...

oder

... Deshalb weisen die Ärzte jetzt auch mit eigenen Radio-Beiträgen auf ihre Situation hin, zum Beispiel der Ärzteverbund MEDI. Der lässt wissen:....

Idealerweise würde man versuchen, eine ähnliche Formulierung auch noch mal in der Abmoderation unterzubringen.

Entscheidend ist, sich so weit wie möglich von dem PR-Beitrag zu distanzieren und klar zu machen, dass das kein journalistisch neutraler Beitrag der Redaktion ist.

Als Moderator darf man dann ein reines Gewissen haben. Juristisch ist man mit so einer Formulierung aber nicht zwingend aus dem Schneider. Leider.





Creative
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Foto von Hans-Peter Dusel: ″Der Setzkasten- Erinnerungen aus der Kindheit″
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Quelle: http://www.piqs.de


Audio-Beispiel PR-Beitrag






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