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BR entschuldigt sich für vorgetäuschtes Live-Interview

Erfahrungen mit einem ″teuflischen Gespräch″

4.8.2008


″Live-Interviews″ im Radio, die keine sind, gibt es immer wieder.

In manchen Fällen stimmt weder das eine noch das andere: Die Gespräche sind weder live, noch haben sie jemals als Gespräch stattgefunden.

Auch beim Bayerischen Rundfunk ist jetzt ein Sündenfall dokumentiert.

Betroffen: Der Radiomacher Marcus Wegner und natürlich die Hörer.

Der Hintergrund: Ein einstündiges Radio-Feature von Marcus Wegner.

Der Hintergrund: Ein einstündiges Radio-Feature von Marcus Wegner. Titel: „Beten auf Teufel komm raus. – Exorzismus in Deutschland heute“ (WDR 5, 18.05.2008).

Dieses Feature sorgte schon vor der Ursendung für Schlagzeilen. Nachdem die Süddeutsche Zeitung eine Rezension der WDR-Produktion abgedruckt hatte, wollte der Bayerische Rundfunk das Thema ebenfalls „exklusiv“ in seiner Sendung „theo.logik“ auf BR 2 behandeln.

Der Sender bat den Autor des WDR-Features, Marcus Wegner um ein auf das „katholische“ Bayern zugeschnittenes „Best-Off“, schließlich könne der Bayerische Rundfunk das Übernahmehonorar des Original-Features nicht zahlen.


So produzierte der freie Journalist Marcus Wegner eigens für den BR ein 17-minütiges Mini-Feature.

Anschließend, so die Planung der BR 2 - Redaktion, sollte der Journalist im Live-Gespräch den Fragen des Moderators Rede und Antwort stehen.


Was dann passierte, schildert Marcus Wegner so:

″Dieses rund 15-minütige Kollegengespräch wurde aus Termingründen wenige Tage vor der Sendung aufgezeichnet.

Mit dem zuständigen Redakteur war vereinbart, dass einige wenige O-Töne für die tagesaktuellen Nachrichten ausgekoppelt werden durften, da die Ergebnisse der zweijährigen Recherche besonders in Kirchenkreisen für gewaltige Schlagzeilen sorgen würden, was dann auch der Fall war.

Mehr als 180 Radiostationen, Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften berichteten in den ersten Tagen über die täglich stattfindenden Teufelsaustreibungen in Deutschland.

An dem Tag nach der Ursendung beim Westdeutschen Rundfunk, Köln erreichten mich Interviewanfragen aus ganz Deutschland.

Durch geschicktes PR-Management vermittelte der BR den Eindruck, dass die Recherchen einzig für den Bayerischen Rundfunk erfolgten. Im Prinzip wäre das auch nicht schlimm gewesen, hätte mich nicht wenige Stunden vor Ausstrahlung seines BR-Mini-Features und des anschließenden Kollegengesprächs ein Anruf aus der bayerischen Landeshauptstadt ereilt.

„Hi, ich bins Sabine“, sagte lachend die Stimme aus dem Handy. „Du läufst ja schon den ganzen Tag bei uns in den Nachrichten rauf und runter.“

Sabine ist eine Kommilitonin. Ich habe sie zuletzt an der Uni gesehen, und das war Jahrzehnte her. „Hey, und da Du gerade in München bist, wollt ich fragen, ob wir abends zusammen etwas trinken gehen wollen…“

Ich stutzte. „Wieso München, ich sitze gerade im rund 600 Kilometer entfernten WDR-Studio Siegen.“

Nur durch dieses Telefonat erfuhr ich, dass auf Bayern 1 soeben ein längeres Interview mit mir gesendet worden war. Den Hörern wurde suggeriert, ich säße live im BR-Studio.

Klar, wer über Teufelsaustreibung, Dämonen und Besessene redet, läuft Gefahr, übernatürliche Phänomene selbst zu erleben. Doch das BR 1 Livegespräch hatte dann doch keinen übernatürlichen Ursprung:

Der Moderator stellte sehr persönlich wirkende Fragen, sprach ″mich″ im Interview mehrfach namentlich an.

Und, wäre das nicht schon ein übernatürliches Wunder genug gewesen, antwortete ich dank digitaler Schnitttechnik auch – allerdings mehrfach überhaupt nicht auf die Fragen des Moderators.

Offenbar stolz, den Exorzismus-Experten und Kollegen Wegner Live im Studio gehabt zu haben, stellte der Bayerische Rundfunk das „Kollegengespräch“ auch noch als Podcast ins Internet (Audio anbei).

BR 1 hatte aus dem vorproduzierten Kollegengespräch für BR 2 Antworten von mir herausgeschnitten und völlig neue Fragen vorangestellt.

Für mich unfassbar.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Antworten aus einer anderen Live-Schalte zusammenhanglos auskoppelt und dann auch noch die Frechheit besitzt, neue, völlig andere Fragen mit mehrfacher persönlicher Ansprache vor diese meine Antworten zu schneiden, ist mehr als fragwürdig.

Inzwischen hat der Bayerische Rundfunk das gefakte Interview wieder aus dem Internet entfernt. Nach einer Beschwerde gab’s dann via Email sogar die folgende offizielle Entschuldigung:

Sehr geehrter Herr Wegner,

über unseren Kollegen haben wir von den Irritationen und Ihrem Ärger über einen Sendeplatz auf Bayern 1 am Montagnachmittag zum Thema Exorzismus gehört.

Inzwischen haben wir Ihr Gespräch auf Bayern 2 und den angesprochenen Sendeplatz auf Bayern 1 nachgehört und verglichen. Sie haben völlig Recht. Auf Bayern 1 konnte man den Eindruck gewinnen, unser Moderator würde mit Ihnen in diesem Moment ein Gespräch führen. Das ist nicht korrekt und dafür können wir uns nur entschuldigen.

Mit den Kollegen von Bayern 2 war vereinbart, Auszüge aus deren Gespräch mit Ihnen zu senden – aber nicht, ein Interview nachzustellen.

Wir bitten ausdrücklich um Entschuldigung und würden Ihnen gerne wenigstens ein Gesprächshonorar überweisen, auch wenn diese Frage sicher nicht der zentrale Punkt Ihrer Beschwerde war.

Bitte übermitteln Sie mir doch kurz per Mail ihre Postadresse und Bankverbindung, damit wir das Honorar anweisen können.

Auf diesem Wege auch von unsere Seite nochmal ein Kompliment für Ihre Berichterstattung zum Thema Exorzismus.

Mit freundlichen Grüßen aus München,

Bayern 1



Mein Fazit:

Der Bayerische Rundfunk hat sich im Nachhinein mit der Honorierung eine saubere Weste erkauft. Die Glaubwürdigkeit, die er zu Recht von seinen Autoren verlangt und insbesondere bei einem so hochsensiblen Thema wie „Exorzismus in Deutschland“ auch verlangen muss, hat er in diesem Falle allerdings verkauft.″





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Was tun gegen getürkte Liveberichte?

Kommentar von Ulrike Mix, selbst Hörfunkreporterin (23.09.08)


Getürkte Liveberichte im Hörfunk – in der Tat ein Thema, das schon so weit um sich gegriffen hat, dass sogar bei öffentlich rechtlichen Sendern inzwischen voraufgezeichnete Liveberichte nicht mehr als fragwürdig zu gelten scheinen.

Redakteure bestellen voraufgezeichnete Einblendungen für den nächsten Tag mit dem Hinweis, es solle halt live klingen – und man könne auf das morgen gesagte „Guten Morgen!“ des Moderatorenkollegen gern seinerseits mit einem „Guten Morgen!“ antworten, um den Einstieg in die pseudo-live-Geschichte authentischer zu machen.

Welche Motive und Zwänge haben den bestellenden Redakteur zu seiner Hörer-Betrugs-Einblendung verleitet? Und wie verhält man sich als ausführender Reporter?

Ein kleiner Hinweis im Sinne: „Ihr wisst aber schon, dass das nicht okay ist?“ geht allemal – verhindert aber oft nicht das Ansinnen des bestellenden Redakteurs.

Das „Guten Morgen!“ weglassen und damit zumindest selbst nicht kompletter Mittäter bei einem der alltäglichen Hörfunkbetrugsfälle zu sein, geht auch.

Sich komplett zu verweigern – geht auch.

Nur das muss man sich leisten können und wollen – vor allem als frei schaffender Kollege, der gerne auch morgen noch einen Auftrag erhalten würde.

Und der bestellende Redakteur? Der ist oftmals auch ein frei schaffender Kollege, der innerhalb seiner Planungsredaktion genauso stark unter Druck steht, wie der Reporterkollege.

Vor allem in einem Unternehmen, in dem Menschen mit „anderen Ansichten“ aufgrund ihres Anstellungsverhältnisses eine schwache Position haben, muss faire und ehrliche Berichterstattung von oben gewollt sein.

Nur wenn klar ist: Öffentlich-rechtliches Radio ist Qualität, können die am Ende der Auftragskette letztlich die Qualität auch ohne wenn und aber umsetzen und einfordern.

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ARD-Korrespondenten

Kommentar von Andreas Knedlik, Hörer, 86919 Utting (Eintrag vom 21.08.08.)


Was mir auch häufig bei den kommerziellisierten ARD-Radios (Bayern 3, SWR1, NDR 2, ...) auffällt: Da berichtet ein ARD-Reporter von den Olympischen Spielen in Peking für die gesamte ARD, aber in den einzelnen Programmen wird er natürlich als SWR1-Reporter XY oder SR1-Reporter XY vorgestellt. Am besten dann auch noch exklusiv...


Antwort von FAIR RADIO:

In der Tat. Auch wir von FAIR RADIO finden das fragwürdig. Denn viele aufmerksame Hörer wie Sie bemerken diesen ″Etikettenschwindel″. Er hinterlässt einen faden Nachgeschmack.

Dabei wäre der einfach zu vermeiden mit der Formulierung ″XY für SWR1″. Die wäre in der Sache richtig und ohne Vorspiegelung falscher Exklusivität korrekt. Links zum Kommentar:

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Live ist schon lange nicht mehr live

Kommentar von Thomas Korte, selbst Hörfunkreporter (Eintrag vom 19.08.2008)


Der hier geschilderte Fall vom BR ist alles andere als ein Einzelfall. Und oft genug werden die Reporter angewiesen, bei den Fakes mitzuspielen.

Es beginnt mit redaktionellen Regieanweisungen wie diesen: ″Stell Dich doch bitte bei Dir in den Garten und fang am besten an mit 'Direkt hinter mir sind noch die letzten Rettungskräfte im Einsatz ...' oder 'Das ist schon ein imposantes Bild, dass das Bauwerk jetzt vor der gerade aufgehenden Sonne abgibt ...″ - Anweisungen wohlgemerkt für eine Aufzeichnung am Vorabend oder Stunden vor der Sendung!

Um die hohen Kosten für Übertragungswagen oder die teure Standleitung zu vermeiden, produziert man die Reportage lieber hausintern. Welcher Hörer kann auch schon in diesem Moment für sich nachvollziehen, ob der Reporter tatsächlich am Ort des Geschehens ist oder war.
Hauptsache ist doch, es klingt prima echt, live und spektakulär und beweist auf's Neue, wie aktuell ein Sender berichtet und überall im Lande seine Mitarbeiter hat.

Das gleiche Spiel wird auch gern mit Gesprächspartnern gespielt. Natürlich steht nicht jeder Politiker oder Unternehmenschef gern morgens um 6 Uhr auf, um live auf dem Sender zu sein. Doch dem Hörer wird das Gespräch als live verkauft. Selbstverständlich wird tunlichst vermieden, zu behaupten es sei tatsächlich live. Doch das ″Einen guten Morgen″, ″Sie hatten hoffentlich eine angenehme Nacht″ oder ″Noch einen weiterhin angenehmen Tag″ gehören zum Interview dazu. Der Hinweis ″Dieses Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet″, kommt in der Regel nicht - anders bei renommierten TV-Sendungen wie ″Heute-Journal″ oder ″Tagesthemen″.

Auch der Zusammenschnitt von Interviews, wie ihn hier Marcus Wegner beschrieben hat, ist längst an der Tagesordnung - selbst bei externen Gesprächspartnern.
Das heißt: Ein Kollege führt das Gespräch. Die Antworten werden zurechtgeschnitten, und auf die Lücken hin stellt der Moderator dann live oder auch als Vorproduktion seine Fragen.

Den Gesprächspartnern wiederum wird dieses Verfahren nur selten vorher ″verraten″. Und so hörte eine Frau das mit ihr geführte Interview im Radio am folgenden Tag mit offenem Mund und mit mehr als erstaunten Augen. Der freundliche Mensch vom Radio und vermeintliche Moderator der Sendung war gar nicht zu hören, dafür der Starmoderator der Sendung. Sie selbst natürlich auch und ihre Informationen und Meinungen zum Thema, aber prima gekürzt und zum Teil durch veränderte Fragen und Abnahmen der Antworten heftig im Sinn verändert.

Ihre Reaktion: Sie gebe diesem Sender nie mehr ein Interview. Das war für die der Redaktion wohl nicht mehr ganz so wichtige Frau die Konsequenz aus der Geschichte mit dem Interview.

″Traue so schnell keinem Live mehr.″
Das muss für viele Hörer die weitere Konsequenz sein. Es sei denn, dem Radiopublikum ist das eh nicht mehr wichtig.
Das zumindest unterstellen viele Redakteure den Hörern in Fällen, wo solche Fakes bekannt geworden sind und es z.B. aus dem Kollegenkreis Kritik gab.

Wenn das aber so ist, stellt sich für mich die weit wichtigere Frage: ″Warum hat man dann überhaupt noch einen journalistischen Anspruch an das Programm?″ Die Glaubwürdigkeit eines Radioprogramms beginnt bereits bei der Frage nach dem Format. Und das heißt auch: Live muss live sein und nicht nur so heißen.

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